Gansabhauet Sursee
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Diese Informationen wurden uns freundlicherweise vom Stadtarchivar von Sursee, Herrn Dr. Stefan Röllin zur Verfügung gestellt.

1. Geschichte
Wie alt der Gansabhauet von Sursee ist, kann schriftlich nicht belegt werden. Laut einer Turmknopfschrift aus dem Jahre 1858 verschwand er um 1820. Im Jahre 1863 wurde er neu belebt als ,,das vor Altem übliche und so sehr belustigende Spiel" (Surseer Anzeiger). Seither hat sich der Gansabhauet als Überbleibsel eines ehemals in ganz Europa verbreiteten bäuerlichen Brauchtums und Spiels um das Federvieh erhalten.
In den Jahren zwischen 1880 und 1890 gesellten sich, dank aktiver Mithilfe der damals jungen Fasnachtszunft ,,Heini von Uri", andere Spiele dazu: "Stangechlädere", "Sackgompe" und "Chäszänne", Spiele, welche heute noch praktiziert werden, während das Seilziehen wegen Auswüchsen in den dreissiger Jahren abgeschafft wurde.
Wie es scheint, wurden auch die goldene Sonnenmaske und der rote Mantel um 1880 eingeführt. Vorher wurden dem Schläger lediglich die Augen verbunden und ihm eine Zipfelmütze angezogen.
Früher - bis anfangs der siebziger Jahre dieses Jahrhunderts - wurde der Brauch viel einfacher und ohne Bühne, direkt auf dem Platz vor dem Rathaus durchgeführt. Ebenso fehlten lange Zeit die Zünftigen, deren schwarz-gelbes Zunftgewand erst aufs Jubiläum "100 Jahre Zunft Heini von Uri" 1976 gestaltet worden ist!

2. Termin
Der Gansabhauet wird seit über zehn Jahren immer am Martinstag, dem 11. November durchgeführt. Vorher wurde er, wenn er z.B, auf einen Sonntag fiel vor- oder zurückverschoben. Ob der Gansabhauet vom Datum her mit den Martinizinsen im bäuerlichen Jahreslauf der alten Zeit zu tun hat, ist ebenfalls nicht belegt, kann aber vermutet werden. So sind ja heute noch die alten Amtshöfe der Klöster Muri, St. Urban und Einsiedeln in der Altstadt zu sehen und an Stelle des Stadttheaters sowie des angrenzenden Doppelhauses standen früher zwei Zehntenscheunen beziehungsweise Korn- und Fruchtschütten des Klosters Muri. Dass im Zusammenhang mit der Zehntenabgabe für dieses traditionelle Spiel von den Schaffnern oder einem der Schaffner eine Gans geschenkt worden ist, könnte man sich vorstellen. Einen Beleg gibt es dazu aber nicht!

3. Die Schläger
Als Schläger werden jene Mädchen und Burschen bezeichnet, welche ihr Glück beim Herunterschlagen der Gans versuchen möchten. Sie müssen sich heute bei der Stadtverwaltung bis zu einem bestimmten Zeitpunkt anmelden. Die Auslosung der Reihenfolge der angemeldeten Schläger - meist zwischen 30-50 Herren sowie ein paar junge Damen- erfolgt um 14.30 Uhr beim Diebenturm. Sämtliche angemeldete Personen müssen auch persönlich anwesend sein und aus einem Sack eine Nummer ziehen. In der Regel sind es etwa die ersten Zwanzig, welche dann zum Zuge kommen. Die als Schläger ausgelosten Mädchen oder Burschen warten jeweils in der Ankenwaage des Rathauses. Dort werden ihnen die Augen verbunden, nachdem sie das obligate Glas Rotwein getrunken haben. Anschliessend wird die schwarze Zipfelmütze über den Kopf gestülpt, der rote Mantel umgehängt und die Sonnenmaske angelegt. In der Hand hält der Schläger einen stumpfen Dragonersäbel.

4. Durchführung
Der traditionelle Brauch beginnt um 15.00 Uhr mit dem Einzug der Organisatoren, dem Stadtrat und seinen Gästen sowie den Mitgliedern der Zunft vom Diebenturm durch Altstadtgasse und Unterstadt zum Platz vor dem Rathaus. Um 15.15 Uhr darf er erste Schläger sein Glück versuchen. Er wird begleitet von einem Trommler und einem Paukist, in den Stadtfarben rot-weiss gekleidet, die ihn leiten oder missleiten sollen. Hat der Schläger die am Hals an einem gespannten Draht aufgehängte Gans gefunden, steht ihm ein einziger Schlag zur Verfügung. Weil der Säbel stumpf ist und es nebst Kraft auch Geschicklichkeit sowie Glück braucht, gelingt es meist erst dem 4.-7. Schläger, den Kopf vom Rumpf zu trennen. Der glückliche Schläger darf die Gans behalten. Für den Gansabhauet stehen heute zwei Gänse zur Verfügung, welche von einem Bauern aus der Umgebung geliefert und nach einem speziellen Verfahren geschlachtet und zubereitet werden.

5. Kinderspiele
Wie erwähnt gehören seit etwa hundert Jahren die den Brauch umrahmenden Kinderspiele "Stangechläder", " Sackgompe" und "Chäszänne" als integrale Elemente dazu. Das Stangenklettern wird zwischen den einzelnen Schlägern durchgeführt, die beiden andern anschliessend an den Gansabhauet. Leider sind zu den letztgenannten Kinderspielen die erwachsenen Zuschauer zumeist schon verschwunden, obschon auch hier höchst spannende Aktivitäten zu bewundern wären.

6. Der Lichterumzug als neues Element
In diesem Jahr wird zum dritten Male als weiteres Element des Brauchtums am St. Martinstag ein Lichterumzug in der autofreien Altstadt durchgeführt. Organisiert wird der Lichterumzug von der Gruppe "Muotter ond Chind" vom kath. Frauenbund Sursee. Der musikalisch umrahmte Zug findet um 18.00 Uhr durch die Altstadt statt, wenn es dunkel wird! Lichterumzüge gehören ebenfalls zum traditionellen Brauchtum des Martinstages. Deshalb passt die Erweiterung sehr gut als Ergänzung des Gansabhauets.

7. Weitere Aktivitäten/Gansessen
Um den Gansabhauet in seiner überlieferten Form möglichst "rein" zu erhalten, wird bewusst darauf geachtet, ihn nicht zu überladen und mit einer Ausweitung im touristisch-kommerziellen Sinn zu gefährden. So werden gegenwärtig nur an einigen Ständen typische Surseer Spezialitäten angeboten, die meist auch mit dem Gansabhauet zu tun haben, wie etwa die Honiggans, das Martinsbrot sowie verschiedene Spezialitäten aus Schokolade usw.

Als traditionelles Element hat sich nun bereits das offizielle Gansessen am Abend, seit 1988 in der Tuchlaube des Rathauses, ausgebildet. Am Abend des Martinstags treffen sich die Komiteemitglieder zusammen mit Behörden und Zünftigen sowie Gönnern und Gästen zu einem festlichen Abend. Er soll in dieser Form vor allem der Begegnung und des geselligen Zusammenseins dienen und Möglichkeiten zu ungezwungenen Gesprächen bieten.

In fast allen Gasthäusern der Altstadt und in Sursee werden an diesem Abend auch ein Gänseschmaus nach traditionellen Rezepten und ergänzt durch Luzerner sowie Surseer Spezialitäten angeboten.